von Albert Schweitzer
Die Ethik das
Ehrfurcht vor dem Leben erkennt keine relative Ethik an. Als gut lässt
sie nur Erhaltung und Förderung von Leben gelten. Alles Vernichten und
Schädigen von Leben, wenn es uns nicht durch das Schicksal auferlegt
ist, empfindet sie als böse. Gebrauchsfertig zu beziehende Ausgleiche
von Ethik und Notwendigkeit hält sie nicht auf Lager. Immer verlangt sie
von uns, dass wir in jedem Fall selber entscheiden, inwieweit wir
ethisch bleiben können und inwieweit wir uns der Notwendigkeit von
Schädigung und Vernichtung von Leben unterwerfen müssen und damit
schuldig werden. Immer mehr müssen wir von der Sehnsucht erfasst werden,
Leben zu erhalten und Leben zu fördern. In der Gesinnung der Ehrfurcht
vor dem Leben liegt ein elementarer Begriff von Verantwortung
beschlossen, dem wir uns ergeben müssen. Immer von neuem und in immer
originaler Weise setzt die absolute Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben
sich im Menschen mit der Wirklichkeit auseinander. Sie tut die Konflikte
nicht für ihn ab, sondern zwingt ihn, sich in jedem Falle selber zu
entscheiden, inwieweit er ethisch bleiben kann und inwieweit er sich der
Notwendigkeit von Vernichtung und Schädigung von Leben unterwerfen und
damit Schuld auf sich nehmen muss. Nicht durch empfangene Anleitung zu
Ausgleichen zwischen ethisch und notwendig kommt der Mensch in der Ethik
voran, sondern nur dadurch, dass er die Stimme des Ethischen immer
lauter vernimmt, dass er immer mehr von Sehnsucht beherrscht wird, Leben
zu erhalten und zu fördern, und dass er in dem Widerstande gegen die
Notwendigkeit des Vernichtens und Schädigens von Leben immer
hartnäckiger wird. Nur subjektive Entscheide kann der Mensch in den
ethischen Konflikten treffen. Niemand kann für ihn bestimmen, wo jedes
Mal die äußerste Grenze der Möglichkeit des Verharrens in der Erhaltung
und Förderung von Leben liegt. Er allein hat es zu beurteilen, indem er
sich dabei von der aufs höchste gesteigerten Verantwortung gegen das
andere Leben leiten lässt.
Gute Nacht!
Montag, 24. November 2014
Mittwoch, 12. November 2014
Lied von den Schnecken, die zum Begräbnis ziehen
von Jacques Prévert
Zwei Schnecken ziehen zum BegräbnisGute Nacht!
Des verstorbenen Blattes.
Schwarz ist ihr Schneckenhaus
Und ihre Hörnchen tragen einen Trauerflor.
So ziehn sie in die Dämmerung!
An einem herbstlich schönen Abend
Doch als sie endlich ankommen,
Ist’s schon Frühling
Die toten Blätter
Sind alle auferstanden
Und die beiden Schnecken
Sind arg enttäuscht.
Die Sonne aber
Spricht:
Nehmt doch wenigstens Platz.
Trinkt ein Glas Bier.
Wenn’s euch danach ist,
Nehmt wenn ihr mögt,
Den Omnibus nach Paris
Er fährt heut abend.
Die Landschaft ist sehenswert,
Aber tragt keine Trauer
Ich bitte drum,
Es trübt das Weiße im Auge
Und macht häßlich.
Grabgeschichten
Sind traurig und gar nicht nett
Tragt wieder Farben,
Die Farben des Lebens.
Da beginnen alle Tiere,
Alle Bäume und Pflanzen
Aus vollem Hals zu singen!
Das große Lebenslied,
Das Lied des Sommers
Und alles trinkt und prostet.
Es ist ein wirklich hübscher Abend,
Ein hübscher Sommerabend
Und die beiden Schnecken
Kehren nach Hause zurück.
Sehr erhoben,
Voller Glück.
Ein bißchen torkeln sie,
Des vielen Trinkens ungewohnt.
Aber am Himmel droben
Behütet sie der alte Mond.
Sonntag, 2. November 2014
Der Anfang des Universums
von Stephen Hawking
Nehmen wir an, es gibt ein erstes Ereignis. Wodurch wurde es verursacht?
Es gab nicht viele Wissenschaftler, die Lust hatten, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Man versuchte, sie zu vermeiden, indem man entweder, wie die Russen, behauptete, das Universum habe keinen Anfang, oder indem man erklärte, für den Ursprung des Universums sei nicht die Naturwissenschaft, sondern die Metaphysik oder die Religion zuständig. Ich denke, das ist ein Standpunkt, den kein wirklicher Wissenschaftler vertreten darf. Wenn die Gesetze der Wissenschaft am Anfang des Universums außer Kraft gesetzt wären, könnten sie dann nicht auch zu anderen Zeiten versagen? Ein Gesetz ist kein Gesetz, wenn es nur manchmal gilt. Wir müssen uns bemühen, den Anfang des Universums mit den Mitteln der Naturwissenschaft zu begreifen. Das mag eine Aufgabe sein, die über unsere Kräfte geht, aber versuchen sollten wir es zumindest.
Zwar geht aus den Theoremen, die Penrose und ich bewiesen haben, hervor, daß das Universum einen Anfang gehabt haben muß, doch liefern sie über die Natur dieses Anfangs wenig Information. Sie ließen darauf schließen, daß das Universum in einem Urknall begonnen hat, in einem Punkt, in dem das ganze Universum und alles, was in ihm enthalten ist, zu unendlicher Dichte zusammengepreßt war. An diesem Punkt verliert Einsteins allgemeine Relativitätstheorie ihre Gültigkeit, so daß sie nicht zu der Vorhersage taugt, wie das Universum angefangen hat. So blieb nur der Schluß, der Ursprung des Universums entziehe sich offenbar dem Zugriff der Naturwissenschaft. Damit durften sich die Wissenschaftler jedoch nicht zufriedengeben. Wie (...) dargelegt, büßt die allgemeine Relativitätstheorie in der Nähe des Urknalls ihre Gültigkeit ein, weil es sich bei ihr um eine sogenannte klassische Theorie handelt.
Sie bezieht nicht die Unschärferelation ein, das Zufallselement der Quantentheorie, das Einstein mit dem Einwand abgelehnt hat, der Herrgott würfle nicht. Doch nach allem, was wir heute wissen, hat der liebe Gott eine ziemlich ausgeprägte Spielernatur. Man kann sich das Universum als riesiges Casino vorstellen, in dem bei jeder Gelegenheit Würfel geworfen und Rouletteräder gedreht werden.
Gute Nacht!
Nehmen wir an, es gibt ein erstes Ereignis. Wodurch wurde es verursacht?
Es gab nicht viele Wissenschaftler, die Lust hatten, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Man versuchte, sie zu vermeiden, indem man entweder, wie die Russen, behauptete, das Universum habe keinen Anfang, oder indem man erklärte, für den Ursprung des Universums sei nicht die Naturwissenschaft, sondern die Metaphysik oder die Religion zuständig. Ich denke, das ist ein Standpunkt, den kein wirklicher Wissenschaftler vertreten darf. Wenn die Gesetze der Wissenschaft am Anfang des Universums außer Kraft gesetzt wären, könnten sie dann nicht auch zu anderen Zeiten versagen? Ein Gesetz ist kein Gesetz, wenn es nur manchmal gilt. Wir müssen uns bemühen, den Anfang des Universums mit den Mitteln der Naturwissenschaft zu begreifen. Das mag eine Aufgabe sein, die über unsere Kräfte geht, aber versuchen sollten wir es zumindest.
Zwar geht aus den Theoremen, die Penrose und ich bewiesen haben, hervor, daß das Universum einen Anfang gehabt haben muß, doch liefern sie über die Natur dieses Anfangs wenig Information. Sie ließen darauf schließen, daß das Universum in einem Urknall begonnen hat, in einem Punkt, in dem das ganze Universum und alles, was in ihm enthalten ist, zu unendlicher Dichte zusammengepreßt war. An diesem Punkt verliert Einsteins allgemeine Relativitätstheorie ihre Gültigkeit, so daß sie nicht zu der Vorhersage taugt, wie das Universum angefangen hat. So blieb nur der Schluß, der Ursprung des Universums entziehe sich offenbar dem Zugriff der Naturwissenschaft. Damit durften sich die Wissenschaftler jedoch nicht zufriedengeben. Wie (...) dargelegt, büßt die allgemeine Relativitätstheorie in der Nähe des Urknalls ihre Gültigkeit ein, weil es sich bei ihr um eine sogenannte klassische Theorie handelt.
Sie bezieht nicht die Unschärferelation ein, das Zufallselement der Quantentheorie, das Einstein mit dem Einwand abgelehnt hat, der Herrgott würfle nicht. Doch nach allem, was wir heute wissen, hat der liebe Gott eine ziemlich ausgeprägte Spielernatur. Man kann sich das Universum als riesiges Casino vorstellen, in dem bei jeder Gelegenheit Würfel geworfen und Rouletteräder gedreht werden.
Gute Nacht!
Dienstag, 28. Oktober 2014
Dichtung — insgesamt! — ist eine Fahrt ins Unbekannte
von Wladimir Majakowski
Dichten ist dasselbe wie Radium gewinnen.
Arbeit: ein Jahr. Ausbeute: ein Gramm.
Man verbraucht, um ein einziges Wort zu ersinnen,
Tausende Tonnen Schutt oder Schlamm.
Doch neben dem Erz, dem zerfallenden, fahlen,
brennt jenes Wort ur-elementar;
es setzt in Bewegung mit seinem Strahlen
Millionen Herzen durch tausend Jahr.
Natürlich gibt's Dichter verschiedener Sorten.
Mancher treibt nur sein Zirkuszauberspiel bunt:
zieht endlos papierene Borten von Worten
sich und anderen aus dem Mund.
Was soll ich von lyrischen Kastraten sagen?
Leih'n sich von anderen Kraft und Gefühl.
Gewöhnliche Meister im Stehlen und Unterschlagen —
Veruntreuer gibt's ja im Lande jetzt viel.
Diese heutigen Oden und Gedichte,
umbrüllt vom Jubel, vom Klatschen umkracht,
gehn einst als Spesen ein in die Geschichte
dessen, was zwei, drei von uns vollbracht.
Gute Nacht!
Sonntag, 26. Oktober 2014
Über die Zeit
von Augustinus
Niemals also hat es eine Zeit gegeben, wo du nicht schon etwas geschaffen hattest, weil du ja die Zeit selbst geschaffen hast. Und keine Zeit ist ewig wie du, weil du immerdar derselbe bleibst. Wenn sie aber bliebe und nicht verginge, dann wäre sie keine Zeit. Denn was ist die Zeit? Wer vermöchte dies leicht und in Kürze auseinanderzusetzen. Wer kann nun darüber etwas je sprechen, es auch nur in Gedanken umfassen? Und doch erwähnen wir nichts so häufig und nichts ist als so selbstverständlich als die Zeit. Und wir verstehen es allerdings irgendwie, wenn wir davon sprechen, noch verkennen wir es, wenn wir eine andere von ihr reden hören. Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darnach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht; mit Zuversicht jedoch kann ich wenigstens sagen, daß ich weiß, daß, wenn nichts verginge, es keine vergangene Zeit gäbe, und wem nichts vorüberginge, es keine zukünftige Zeit gäbe. Jene beiden Zeiten also, Vergangenheit und Zukunft, wie kann man sagen, daß sie sind, wenn die Vergangenheit schon nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht ist? Wenn dagegen die Gegenwart immer gegenwärtig wäre und nicht in die Vergangenheit Übergänge, so wäre sie nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit. Wem also die Gegenwart nur darum zur Zeit wird, weil sie in die Vergangenheit übergeht, wie können wir da sagen, daß sie ist und wenn sie deshalb ist, weil sie sofort nicht mehr ist; so daß wir insofern in Wahrheit nur sagen könnten, daß sie eine Zeit ist, weil sie dem Nichtsein zustrebt?
Gute Nacht!
Niemals also hat es eine Zeit gegeben, wo du nicht schon etwas geschaffen hattest, weil du ja die Zeit selbst geschaffen hast. Und keine Zeit ist ewig wie du, weil du immerdar derselbe bleibst. Wenn sie aber bliebe und nicht verginge, dann wäre sie keine Zeit. Denn was ist die Zeit? Wer vermöchte dies leicht und in Kürze auseinanderzusetzen. Wer kann nun darüber etwas je sprechen, es auch nur in Gedanken umfassen? Und doch erwähnen wir nichts so häufig und nichts ist als so selbstverständlich als die Zeit. Und wir verstehen es allerdings irgendwie, wenn wir davon sprechen, noch verkennen wir es, wenn wir eine andere von ihr reden hören. Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darnach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht; mit Zuversicht jedoch kann ich wenigstens sagen, daß ich weiß, daß, wenn nichts verginge, es keine vergangene Zeit gäbe, und wem nichts vorüberginge, es keine zukünftige Zeit gäbe. Jene beiden Zeiten also, Vergangenheit und Zukunft, wie kann man sagen, daß sie sind, wenn die Vergangenheit schon nicht mehr ist und die Zukunft noch nicht ist? Wenn dagegen die Gegenwart immer gegenwärtig wäre und nicht in die Vergangenheit Übergänge, so wäre sie nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit. Wem also die Gegenwart nur darum zur Zeit wird, weil sie in die Vergangenheit übergeht, wie können wir da sagen, daß sie ist und wenn sie deshalb ist, weil sie sofort nicht mehr ist; so daß wir insofern in Wahrheit nur sagen könnten, daß sie eine Zeit ist, weil sie dem Nichtsein zustrebt?
Gute Nacht!
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