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Montag, 27. November 2017

Das Nichtstun

von Michel de Montaigne

Auf Brachland wuchert, wenn der Boden fett und gehaltreich ist, vielerlei nutzloses Unkraut;…so ist es auch beim menschlichen Geist; wenn dieser sich nicht auf ein bestimmtes Thema konzentriert, durch das er in Zucht gehalten wird, schweift er ordnungslos nach allen Richtungen in dem unbegrenzten Reich der Phantasie umher; […] bei diesem unruhigen Schweifen bringt er lauter Torheiten und Grillen hervor; "Wahngebilde werden geschaffen wie Fieberträume." Das menschliche Denken wird sinnlos, wenn es kein bestimmtes Ziel hat; denn, so heißt es im Sprichwort, wer überall ist, ist nirgends: "Wenn einer viele Heimaten hat, hat er keine Heimat."
Vor kurzem habe ich den Entschluss gefasst, mich in Schloss Montaigne zur Ruhe zu setzen, in der Absicht, mich, soweit möglich, nur noch darum zu kümmern, wie ich ruhig und ungestört den kurzen Rest meines Lebens verbringen könne; da dachte ich, ich könnte meinem Geist keinen größeren Gefallen tun, als wenn ich ihm ermöglichte, fern von jeder anderen Betätigung sich selbst zu hegen und zu pflegen und in sich zu stiller Ruhe zu kommen; ich hoffte, dass ihm das jetzt leichter werden würde als früher, weil doch anzunehmen war, er sei mit der Zeit vorsichtiger und reifer geworden: ich finde aber, gerade das Gegenteil ist eingetreten, da "das Nichtstun immer eine Zersplitterung des Denkens erzeugt"; der Geist benimmt sich wie ein durchgegangenes Pferd; er arbeitet sich hundertmal mehr für sich selbst ab, als er sich früher in fremdem Dienst mühte; und er fördert ununterbrochen phantastische Hirngespinste und Missgeburten zutage, alle ohne Sinn und Zusammenhang; damit ich diese kindischen und merkwürdigen Erzeugnisse meines Geistes mir in Ruhe ansehen kann, habe ich mich daran gemacht, sie aufzuzeichnen in der Hoffnung, dass sich mein Geist mit der Zeit selber schämt, wenn er sieht, was er da angestellt hat.


Gute Nacht!
G
M
T
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Montag, 20. Mai 2013

Wie man einen Vogel malt

von Jacques Prevert

Male zuerst einen Käfig
mit einer offenen Tür
dann male
irgend etwas Hübsches
irgend etwas Einfaches
irgend etwas Schönes
irgend etwas Nützliches
was nur den Vogel angeht
Dann lehne die Leinwand an einen Baum
in einem Garten
in einem Wäldchen
verbirg dich hinter dem Baum
ohne zu sprechen
ohne dich zu rühren...

Bisweilen kommt der Vogel bald
aber er kann ebensogut viele Jahre brauchen
bis er sich dazu entschließt
Verlier nicht den Mut

warte

Warte wenn es sein muß jahrelang
denn der rasche oder langsame Anflug des Vogels
hat nichts zu tun mit dem Gelingen des Bildes

Wenn der Vogel kommt
falls er kommt
so sei ganz still
Warte bis der Vogel in den Käfig schlüpft
und wenn er hineingeschlüpft ist
schließe mit dem Pinsel leise die Tür

dann

tilge nacheinander alle Gitterstäbe aus
wobei du keine einzige Feder
des Vogels berühren darfst

Sodann male den Baum
und wähle den schönsten seiner Äste
für den Vogel

Male auch das grüne Laub und den frischen Wind
den Sonnenstaub
und das Gesumm der Grastiere in der Sommerglut
Und dann warte ob der Vogel sich entschließt zu singen
Wenn der Vogel nicht singt
so ist es ein schlechtes Zeichen
ein Zeichen daß das Bild schlecht ist
Aber wenn er singt ist es ein gutes Zeichen
ein Zeichen daß du das Bild mit deinem Namen zeichnen darfst
dann zupfst du ganz sacht
eine Feder aus dem Vogelgefieder
und schreibst in einer Ecke des Bildes deinen Namen nieder

Gute Nacht!
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