Sonntag, 24. Oktober 2021

Lebensgruß

von Heinrich Heine

Eine große Landstraß ist unsere Erd,
Wir Menschen sind Passagiere;
Man rennet und jaget, zu Fuß und zu Pferd,
Wie Läufer oder Kuriere.

Man fährt sich vorüber, man nicket, man grüßt
Mit dem Taschentuch aus der Karosse;
Man hätte sich gerne geherzt und geküßt,
Doch jagen von hinnen die Rosse.

Kaum trafen wir uns auf derselben Station,
Herzliebster Prinz Alexander,
Da bläst schon zur Abfahrt der Postillion,
Und bläst uns schon auseinander.
Gute Nacht!
 

Sonntag, 2. Mai 2021

Der Mensch

von Voltaire

Wenn man den Menschen in physischer Hinsicht kennenlernen will, muss man Werke über Anatomie und die Artikel von Venel in der Encyclopédie studieren oder, noch besser, an einem anatomischen Kolleg teilnehmen.
Wenn man den Menschen in moralischer Hinsicht kennenlernen will, muss man vor allem Lebenserfahrung sammeln und nachdenken. Sind nicht alle Bücher über Moral in den Worten Hiobs enthalten: "Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht."
Wir haben bereits gesehen, dass der Mensch im Durchschnitt nur etwa 22 Jahre zu leben hat, wenn man diejenigen, die an der Brust ihre Amme sterben, mit einbezieht so wie alle jene, die bis zu 100 Jahren die Reste eines elenden Lebens mit sich herumschleppen, dem sie geistig nicht mehr gewachsen sind.
Ein hübsches Gleichnis ist die alte Fabel vom ersten Menschen, der anfangs höchstens 20 Jahre leben sollte, was ein Durchschnittsalter von nur fünf Jahren ergeben hätte. Der Mensch war verzweifelt, er hatte bei sich eine Raupe, einen Schmetterling, einen Pfau, ein Pferd, einen Fuchs und einen Affen.
"Verlängere mein Leben", sagte er zu Jupiter, "ich bin mehr wert als alle diese Tiere hier! Die Gerechtigkeit verlangt, dass ich und meine kinder sehr lange leben, um über alle Tiere zu herrschen."
"Gern", sagte Jupiter, "aber ich kann nur eine bestimmte Zahl von Tagen unter alle diese Wesen verteilen, denen ich das Leben geschenkt habe, was ich dir geben kann, muss ich den anderen abziehen, denn du darfst dir nicht einbilden, dass ich allmächtig sei und mir keine Grenzen gesetzt wären, weil ich Jupiter bin. Auch ich habe meine Natur und mein Maß, ich will dir also gerne ein paar Jahre mehr bewilligen und sie diesen sechs Tieren, auf die du eifersüchtig bist, abziehen, aber unter der Bedingung, dass du nacheinander ihre Lebensformen annimmst."
Der Mensch soll zuerst eine Raupe sein und in seiner frühen Kindheit kriechen wie sie, mit 15 Jahren soll er anmutig sein wie ein Schmetterling und in seiner Jugend eitel wie ein Pfau, im Mannesalter soll er es ebenso schwer haben wie ein Pferd, in den 50er Jahren soll er listig sein wie ein Fuchs und im Alter hässlich und lächerlich wie ein Affe.
Und das ist im allgemeinen auch das Schicksal des Menschen!
 
Gute Nacht!

Montag, 22. Februar 2021

Morgenwind

von Paul Heyse
Wenn noch kaum die Hähne krähen,  
Macht sich auf der Morgenwind,  
Feget aus mit starkem Wehen  
Stadt und Flur und Wald geschwind.  
 
Allen Bäumen in der Runde  
Schüttelt er die Locken aus,  
Weckt die Blümlein in dem Grunde,  
Lockt die Lerch' ins Tal hinaus. 
 
Nebel, die an Bergen hangen,  
Jagt er ohne Gnade fort;  
Kommt Frau Sonne dann gegangen,  
Find't sie sauber jeden Ort.  
 
Will sie bei dem treuen Winde  
Sich bedanken in Person,  
Ist er, dass ihn keiner finde,  
Über alle Berge schon.
Gute Nacht!

Sonntag, 22. November 2020

Spätherbst in der Sperlingsgasse

von Wilhelm Raabe

Es ist eigentlich eine böse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt, Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt; – es ist eine böse Zeit! Dazu ist's Herbst, trauriger, melancholischer Herbst, und ein feiner, kalter Vorwinterregen rieselt schon wochenlang herab auf die große Stadt; – es ist eine böse Zeit! Die Menschen haben lange Gesichter und schwere Herzen, und wenn sich zwei Bekannte begegnen, zucken sie die Achsel und eilen fast ohne Gruß aneinander vorüber; – es ist eine böse Zeit! – Missmutig hatte ich die Zeitung weggeworfen, mir eine frische Pfeife gestopft, ein Buch herabgenommen und aufgeschlagen. Es war ein einfaches altes Buch, in welches Meister Daniel Chodowiecki gar hübsche Bilder gezeichnet hatte: Asmus omnia sua secum portans, der prächtige Wandsbecker Bote des alten Matthias Claudius, weiland homme de lettres zu Wandsbeck, und recht ein Tag war's, darin zu blättern. Der Regen, das Brummen und Poltern des Feuers im Ofen, der Widerschein desselben auf dem Boden und an den Wänden – alles trug dazu bei, mich die Welt da draußen ganz vergessen zu machen und mich ganz in die Welt von Herz und Gemüt auf den Blättern vor mir zu versenken. 
Aufs Geratewohl schlug ich eine Seite auf: Sieh! – da ist der herbstliche Garten zu Wandsbeck. Es ist ebenso nebelig und trübe wie heute; leise sinken die gelben Blätter zur Erde, als bräche eine unsichtbare Hand sie ab, eins nach dem andern. Wer kommt da den Gang herauf im geblümten bunten Schlafrock, die weiße Zipfelmütze über dem Ohr? – Er ist's – Matthias Claudius, der wackere Asmus selbst! – Bedächtiglich schreitet er einher, von Zeit zu Zeit stehenbleibend; jetzt ein welkes Blatt aufnehmend und das zierliche Geäder desselben betrachtend; jetzt in die nebelige Luft hinaufschauend. Er scheint in Gedanken versunken zu sein. Denkt er vielleicht an den Vetter oder den Freund Hein, an den Invaliden Görgel mit der Pudelmütze und dem neuen Stelzbein, denkt er an die neue Kanone oder an das Ohr des schuftigen Hofmarschalls Albiboghoi? Wer weiß! – Sieh! wieder bleibt er stehen. Was fällt ihm ein!? Lustig wirft er die weiße Zipfelmütze in die Luft und tut einen kleinen Sprung: ein großer Gedanke ist ihm »aufs Herz geschossen« – das große neue Fest der Herbstling ist erfunden – der Herbstling, so anmutig zu feiern, wenn der erste Schnee fällt, mit Kinderjubel und Bratäpfeln und Lächeln auf den Gesichtern von jung und alt! –
Wenn der erste Schnee fällt – – – wie ich in diesem Augenblick wieder einmal einen Blick zur grauen Himmelsdecke hinaufwerfe, da – kommt er herunter – wirklich herunter, der erste Schnee!
 
Schnee! Schnee! der erste Schnee! –
 
In großen wässrigen Flocken, dem Regen untermischt, schlägt er an die Scheiben, grüßend wie ein alter Bekannter, der aus weiter Ferne nach langer Abwesenheit zurückkommt. Schnell springe ich auf und ans Fenster. Welche Veränderung da draußen! Die Leute, die eben noch mürrisch und unzufrieden mit sich und der Welt umherschlichen, sehen jetzt ganz anders aus. Gegen den Regen suchte jeder sich durch Mäntel und Schirme auf alle Weise zu schützen, dem Schnee aber kehrt man lustig und verwegen das Gesicht zu.
Der erste Schnee! der erste Schnee!
An den Fenstern erscheinen lachende Kindergesichter, kleine Händchen klatschen fröhlich zusammen: welche Gedanken an weiße Dächer und grüne, funkelnde Tannenbäume! Wie phantastisch die Sperlingsgasse in dem wirbelnden, weißen Gestöber aussieht! Wie die wasserholenden Dienstmädchen am Brunnen kichern! Der fatale Wind! –
 
»Gehorsamster Diener, Herr Professor Niepeguck! Auch im ersten Schnee?«
 
»Ärztliche Verordnung!« brummt der Weise und lächelt herauf zu mir, so gut es Würde und Hypochondrie erlauben.
Auf der Sophienkirche schlägt's jetzt! – Erst vier? und schon fast Nacht! – »Vier!« wiederholen die Glocken dumpf über die ganze Stadt. Jetzt sind die Schulen zu Ende! Hurra – hinaus in den beginnenden Winter: die Buben wild und unbändig, die Mädchen ängstlich und trippelnd, dicht sich an den Häuserwänden hinwindend. Hier und dort blitzt nun schon in einem dunkeln Laden ein Licht auf, immer geisterhafter wird das Aussehen der Sperlingsgasse.
Da kommt der Lehrer selbst, seine Bücher unter dem Arm; aufmerksam betrachtet er das Zerschmelzen einer Flocke auf seinem fadenscheinigen schwarzen Rockärmel. Jetzt ist die Zeit für einen Märchenerzähler, für einen Dichter.

Montag, 19. Oktober 2020

Ein Traum des Herrn von Schnabelewopski

von Heinrich Heine

Es war ein süßer, lieber, sonniger Traum. Der Himmel himmelblau und wolkenlos, das Meer meergrün und still. Unabsehbar weite Wasserfläche, und darauf schwamm ein buntgewimpeltesSchiff, und auf dem Verdeck saß ich kosend zu den Füßen Jadvigas. Schwärmerische Liebeslieder, die ich selber auf rosige Papierstreifen geschrieben, las ich ihr vor, heiter seufzend, und sie horchte mit ungläubig hingeneigtem Ohr, und sehnsüchtigem Lächeln, und riss mir zuweilen hastig die Blätter aus der Hand und warf sie ins Meer. Aber die schönen Nixen, mit ihren schneeweißen Busen und Armen, tauchten jedesmal aus dem Wasser empor, und erhaschten die flatternden Lieder der Liebe. Als ich mich über Bord beugte, konnte ich ganz klar bis in die Tiefe des Meeres hinabschaun, und da saßen, wie in einem gesellschaftlichen Kreise, die schönen Nixen, und in ihrer Mitte stand ein junger Nix, der, mit gefühlvoll belebtem Angesicht, meine Liebeslieder deklamierte. Ein stürmischer Beifall erscholl bei jeder Strophe; die grünlockigten Schönen applaudierten so leidenschaftlich, dass Brust undNacken erröteten, und sie lobten mit einer freudigen, aber doch zugleich mitleidigen Begeisterung: »Welche sonderbare Wesen sind diese Menschen! Wie sonderbar ist ihr Leben! Wie tragisch ihr ganzes Schicksal! Sie lieben sich und dürfen es meistens nicht sagen, und dürfen sie es einmal sagen, so können sie doch einander selten verstehn! Und dabei leben sie nicht ewig wie wir, sie sind sterblich, nur eine kurze Spanne Zeit ist ihnen vergönnt, das Glück zu suchen, sie müssen es schnell erhaschen, hastig ans Herz drücken, ehe es entflieht - deshalb sind ihre Liebeslieder auch so zart, so innig, so süß-ängstlich, so verzweiflungsvoll lustig, ein so seltsames Gemisch von Freude und Schmerz. Der Gedanke des Todes wirft seinen melancholischen Schatten über ihre glücklichsten Stunden und tröstet sie lieblich im Unglück. Sie können weinen. Welche Poesie in so einer Menschenträne!«
»Hörst du«, sagte ich zu Jadviga, »wie die da unten über uns urteilen? - wir wollen uns umarmen, damit sie uns nicht mehr bemitleiden, damit sie sogar neidisch werden!« Sie aber, die Geliebte, sah mich an mit unendlicher Liebe, und ohne ein Wort zu reden. Ich hatte sie stumm geküsst. Sie erblich, und ein kalter Schauer überflog die holde Gestalt. Sie lag endlich starr, wie weißer Marmor, in meinen Armen, und ich hätte sie für tot gehalten, wenn sich nicht zwei große Tränenströme unaufhaltsam aus ihren Augen ergossen - und diese Tränen überfluteten mich, während ich das holde Bild immer gewaltiger mit meinen Armen umschlang -
Da hörte ich plötzlich die keifende Stimme meiner Hauswirtin und erwachte aus meinem Traum. 
 
Gute Nacht!
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