Donnerstag, 31. März 2016

Der Maienkäfer

von Gottlieb Konrad Pfeffel 

An Sarasin

Bathyll, ein kleiner Schäfer,
Fing einen Maienkäfer,
Band ihn an eine Schnur
Und schrie: Flieg auf, mein Tierchen!
Du hast ein langes Schnürchen
An deinem Fuß, versuch’ es nur.

Nein, sprach der, laß mich nur liegen.
Was hilft’s, an einem Faden nun zu fliegen?
Nein, lieber gar nicht frei.
Im vollen Flug empfinden,
Daß uns Despoten binden,
Freund, ist die härtste Sklaverei.

Gute Nacht!

Mittwoch, 16. März 2016

Alter und Weisheit

von Michel de Montaigne

Wir nennen die Grämlichkeit unserer Launen und den Ekel an den gegenwärtigen Dingen Weisheit; im Grunde aber entsagen wir nicht so wohl den Lastern, als wechseln vielmehr damit, und nach meiner Meinung immer zu schlimmerem Übergange.
Außer einer dummen ärmlichen Ruhmredigkeit, einer langweiligen Geschwätzigkeit, einer ungeselligen unduldsamen Grämlichkeit, einer albernen Abergläubigkeit und einem lächerlichen Streben nach Reichtum, wenn wir ihn nicht mehr nutzen können, finde ich auch noch im Alter mehr Neid, Ungerechtigkeit und Schadenfreude.
Das Alter zieht noch mehr Runzeln auf unserem Verstand als auf unsere Stirne, und findet man wenige Seelen, und sehr selten, welchen man bei hohem Alter nicht das Sauer- und Kantigwerden anmerkte. Der Mensch geht mit gleichem Schritte auf sein Wachstum zu wie auf sein Abnehmen.
Wenn man die Weisheit des Sokrates beleuchtet und verschiedene Umstände bei seiner Verurteilung in Betracht zieht, so möchte ich fast glauben, dass letzter ihm gewissermaßen willkommen war und er sich mit Fleiß nicht nachdrücklicher verteidigte: er hatte schon beinahe an 70 Jahren die Last eines glanzvollen Lebens auf seinen Schultern getragen und die blendenden Strahlen seines gewöhnlichen Lichtes unterhalten.
Was für Verwandlungen sehe ich hierin bei vielen von meinen Bekannten täglich vorfallen? Es ist eine schwere Krankheit, die uns ganz natürlicher Weise und ganz unbemerkt beschleicht. Es gehört ein großer Vorrat von Studium dazu, und eine außerordentliche Vorsicht, um den Unvollkommenheiten auszuweichen, womit uns das Alter heimsucht, oder wenigstens ihren Fortschritt zu hemmen.
 
Gute Nacht!

Dienstag, 8. März 2016

Für einen übertreibenden Deutschthümler

von Kathinka Zitz-Halein
Deutscher, sei deutscher als deutsch,
dann dringet die wahre Verdeutschung
Dir in das deutsche Geblüt,
bleibend mit deutschem Bestand.

Dann läßt durch deutsche Befeindung 

du nimmer dich feige entdeutschen,
Sinkest dann gänzlich durchdeutscht, 

einst in's germanische Grab.

Gute Nacht!

Samstag, 27. Februar 2016

Was ein Kind gesagt bekommt

von Bertolt Brecht
Der liebe Gott sieht alles.
Man spart für den Fall des Falles.
Die werden nichts, die nichts taugen.
Schmökern ist schlecht für die Augen.
Kohlentragen stärkt die Glieder.
Die schöne Kinderzeit, die kommt nicht wieder.
Man lacht nicht über ein Gebrechen.
Du sollst Erwachsenen nicht widersprechen.
Man greift nicht zuerst in die Schüssel bei Tisch.
Sonntagsspaziergang macht frisch.                           
Zum Alter ist man ehrerbötig.
Süßigkeiten sind für den Körper nicht nötig.
Kartoffeln sind gesund.
Ein Kind hält den Mund. 

Gute Nacht!

Samstag, 20. Februar 2016

Guter Rat

aus dem Buch Sirach

Jeder Freund sagt zwar: Ich bin auch dein Freund –; aber einige sind nur dem Namen nach Freunde. Wenn ein Gefährte und Freund einem Feind wird, so bleibt der Gram darüber bis in den Tod.
Ach wo kommt doch das Übel her, dass alle Welt so voll Falschheit ist? Wenn's dem Freund gut geht, so freuen sie sich mit ihm; wenn's ihm aber schlecht geht, werden sie seine Feinde. Sie stehen ihm bei, wenn es um den Bauch geht; aber wenn es Kampf gibt, verstecken sie sich hinter dem Schild. Vergiss den Freund nicht in deinem Herzen, und denke an ihn, wenn du reich wirst.
Jeder Ratgeber will raten, aber einige raten zu ihrem eignen Nutzen. Darum hüte dich vor dem Ratgeber: Überlege zuvor, was ihm nützlich sein kann, denn er denkt vielleicht daran, zu seinem Vorteil zu raten; lass ihn nicht über dich bestimmen, damit er nicht sagt: Du bist auf dem rechten Weg –, selbst aber beiseite steht und Acht gibt, wie es dir ergehen wird.
Berate dich nicht mit dem, der dich missgünstig betrachtet, und vor denen, die dich beneiden, verbirg deinen Plan. Man fragt ja auch nicht eine Frau um Rat, wie man ihre Nebenbuhlerin freundlich behandeln soll, oder einen Ängstlichen, wie man Krieg führen soll, oder einen Kaufmann, wie hoch er deine und seine Ware schätzt, oder einen Käufer, wie teuer du etwas verkaufen sollst, oder einen Missgünstigen, wie man denken, oder einen Unbarmherzigen, wie man barmherzig sein soll, oder einen Faulen, wie man viel arbeiten kann, oder einen für ein Jahr angeworbenen Tagelöhner, ob seine Arbeit schon zu Ende ist, oder einen trägen Hausknecht, wie viel man leisten kann.


Gute Nacht!
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