Sonntag, 22. März 2020

Das Lied des Aussätzigen

von Rainer Maria Rilke
Sieh ich bin einer, den alles verlassen hat.
Keiner weiß in der Stadt von mir,
Aussatz hat mich befallen.
Und ich schlage mein Klapperwerk,
klopfe mein trauriges Augenmerk
in die Ohren allen
die nahe vorübergehn.
Und die es hölzern hören, sehn
erst gar nicht her, und was hier geschehn
wollen sie nicht erfahren.

Soweit der Klang meiner Klapper reicht
bin ich zuhause; aber vielleicht
machst Du meine Klapper so laut,
daß sich keiner in meine Ferne traut
der mir jetzt aus der Nähe weicht.
So daß ich sehr lange gehen kann
ohne Mädchen, Frau oder Mann
oder Kind zu entdecken.

Tiere will ich nicht schrecken.

Gute Nacht!

Montag, 16. März 2020

Betrug und Betrogene

von Ernst Bloch

Man weiß zu gut, die Menschen wollen betrogen werden. Doch dieses nicht nur, weil die Dummen in der Mehrzahl sind. Sondern weil die Menschen, zur Freude geboren, keine haben, weil sie schreien nach Freude. Das erst macht auch die Klügeren zeitweise einsinnig, einfältig, sie fallen auf Glanz herein, und es ist nicht einmal nötig, dass der Glanz Gold verspricht, hier kann bereits genügen, dass er glänzt. Schaden macht klug, doch binnen kurzem arbeitet die Sucht wieder und hofft, dass man sie diesmal nicht betrügt. Sie hält sich für den Ernstfall frisch und will ihn nicht versäumen; unterdessen aber wachsen immer neue, ungebrannte Kinder heran, immer neue Betrüger haken in eine Schwäche ein, die ebenso eine Stärke sein könnte. Denn immerhin hat sie eine Schwäche fürs Glück, fürs Lachen und ist nicht der verprügelten Meinung, selten käme etwas Besseres nach.


Gute Nacht!

Sonntag, 1. März 2020

Wiegenlied für sich selber

von Erich Kästner
Schlafe, alter Knabe, schlafe!
Denn du kannst nichts Klügres tun,
als dich dann und wann auf brave
Art und Weise auszuruhn.
Wenn du schläfst, kann nichts passieren...
Auf der Straße, vor dem Haus,
gehn den Bäumen, die dort frieren,
nach und nach die Haare aus.

Schlafe, wie du früher schliefst,
als du vieles noch nicht wusstest
und im Traum die Mutter riefst.
Ja, da liegst du nun und hustest!

Schlaf und sprich wie früher kindlich:
"Die Prinzessin drückt der Schuh."
Schlafen darf man unverbindlich.
Drücke beide Augen zu!

Mit Pauline schliefst du gestern.
Denn mitunter muss das sein.
Morgen kommen gar zwei Schwestern!
Heute schläfst du ganz allein.

Hast du Furcht vor den Gespenstern,
gegen die du neulich rangst?
Mensch, bei solchen Doppelfenstern
hat ein Deutscher keine Angst!

Hörst du, wie die Autos jagen?
Irgendwo geschieht ein Mord.
Alles will dir etwas sagen.
Aber du verstehst kein Wort...

Sieben große und zwölf kleine
Sorgen stehen um dein Bett.
Und sie stehen sich die Beine
bis zum Morgen ins Parkett.

Lass sie ruhig stehn und lästern!
Schlafe aus, drum schlafe ein!
Morgen kommen doch die Schwestern,
und da musst du munter sein.

Schlafe! Mache eine Pause!
Nimm, wenn nichts hilft, Aspirin!
Denn, wer schläft, ist nicht zu Hause,
und schon geht es ohne ihn.

Still! Die Nacht starrt in dein Zimmer
und beschnuppert dein Gesicht...
Andre Menschen schlafen immer.
Gute Nacht, und schnarche nicht!

Gute Nacht!

Sonntag, 19. Januar 2020

Kind

von Elke Heidenreich

Zweimal im Leben hatte sie, die bewusst Kinderlose, so ein winziges Kind im Arm. Einmal in ihrer Stammkneipe. Wirt und Wirtin bedienten, es war voll, der Kleine schrie. Sie hatte so etwas noch nie gemacht, aber was ist schwierig daran, einen Hintern abzuwischen? Sie verzog sich mit dem Kind, säuberte es, sang dabei, wusch, cremte, wickelte, und das Kind lachte und streckte die Ärmchen aus. Sie hatte ein sehr großes Gefühl, das Gefühl: Ich könnte! Sie wollte nicht, aber sie wusste jetzt: Sie könnte. Heute ist das Kind fünfundzwanzig und küsst sie jedes Mal, wenn es sie sieht. Es bedient jetzt auch in der Kneipe.
Das zweite Mal war es im Hotel Adlon, Luxussuite, sie war Preisträgerin von irgendetwas, angereist mit zwei Freundinnen. Eine dritte, ihr nicht bekannte Freundin kam dazu, mit einem sehr kleinen Baby. Ob sie es nehmen könne? Man wolle bummeln gehen. Sie wollte nicht bummeln gehen, sie lag schon im frischen Luxusbett, schaute aufs Brandenburger Tor und trank Champagner. Sie legten das wildfremde Kind zu ihr. Es kuschelte sich an. Die Freundinnen gingen. Das Kind öffnete die Augen, groß, blau, sah sie an, nahm ihren Zeigefinger, umklammerte ihn fest und schlief lächelnd, leicht grunzend, wieder ein.
Und sie lag da, unfassbar glücklich über dieses Vertrauen, dieses zarte kleine Leben, glücklich auch die Verantwortung für dieses Leben nicht übernehmen zu müssen. Aber diese Nähe, die drei Stunden - sie gehören zu den schönsten ihres Lebens.


Gute Nacht!

Sonntag, 12. Januar 2020

Abendstern-Ghasele

von Hermann von Lingg
Sitzt ein Vöglein unter meinem Dach, es singt,
Wenn ich Morgens noch so früh erwach', es singt,
Und am Abend, wenn die Blumen alle
Sich zum Schlummer legten müd am Bach, es singt,
Wenn es still wird, glaub ich's noch zu hören,
Weil mein Leid und all mein Ach es singt.
Gute Nacht!
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