von Rainer Maria Rilke
Sieh ich bin einer, den alles verlassen hat.
Keiner weiß in der Stadt von mir,
Aussatz hat mich befallen.
Und ich schlage mein Klapperwerk,
klopfe mein trauriges Augenmerk
in die Ohren allen
die nahe vorübergehn.
Und die es hölzern hören, sehn
erst gar nicht her, und was hier geschehn
wollen sie nicht erfahren.
Soweit der Klang meiner Klapper reicht
bin ich zuhause; aber vielleicht
machst Du meine Klapper so laut,
daß sich keiner in meine Ferne traut
der mir jetzt aus der Nähe weicht.
So daß ich sehr lange gehen kann
ohne Mädchen, Frau oder Mann
oder Kind zu entdecken.
Tiere will ich nicht schrecken.
Gute Nacht!
von Ernst Bloch
Man weiß zu gut, die
Menschen wollen betrogen werden. Doch dieses nicht nur, weil die Dummen
in der Mehrzahl sind. Sondern weil die Menschen, zur Freude geboren,
keine haben, weil sie schreien nach Freude. Das erst macht auch die
Klügeren zeitweise einsinnig, einfältig, sie fallen auf Glanz herein,
und es ist nicht einmal nötig, dass der Glanz Gold verspricht, hier kann
bereits genügen, dass er glänzt. Schaden macht klug, doch binnen kurzem
arbeitet die Sucht wieder und hofft, dass man sie diesmal nicht
betrügt. Sie hält sich für den Ernstfall frisch und will ihn nicht
versäumen; unterdessen aber wachsen immer neue, ungebrannte Kinder
heran, immer neue Betrüger haken in eine Schwäche ein, die ebenso eine
Stärke sein könnte. Denn immerhin hat sie eine Schwäche fürs Glück, fürs
Lachen und ist nicht der verprügelten Meinung, selten käme etwas
Besseres nach.
Gute Nacht!
von Erich Kästner
Schlafe, alter Knabe, schlafe!
Denn du kannst nichts Klügres tun,
als dich dann und wann auf brave
Art und Weise auszuruhn.
Wenn du schläfst, kann nichts passieren...
Auf der Straße, vor dem Haus,
gehn den Bäumen, die dort frieren,
nach und nach die Haare aus.
Schlafe, wie du früher schliefst,
als du vieles noch nicht wusstest
und im Traum die Mutter riefst.
Ja, da liegst du nun und hustest!
Schlaf und sprich wie früher kindlich:
"Die Prinzessin drückt der Schuh."
Schlafen darf man unverbindlich.
Drücke beide Augen zu!
Mit Pauline schliefst du gestern.
Denn mitunter muss das sein.
Morgen kommen gar zwei Schwestern!
Heute schläfst du ganz allein.
Hast du Furcht vor den Gespenstern,
gegen die du neulich rangst?
Mensch, bei solchen Doppelfenstern
hat ein Deutscher keine Angst!
Hörst du, wie die Autos jagen?
Irgendwo geschieht ein Mord.
Alles will dir etwas sagen.
Aber du verstehst kein Wort...
Sieben große und zwölf kleine
Sorgen stehen um dein Bett.
Und sie stehen sich die Beine
bis zum Morgen ins Parkett.
Lass sie ruhig stehn und lästern!
Schlafe aus, drum schlafe ein!
Morgen kommen doch die Schwestern,
und da musst du munter sein.
Schlafe! Mache eine Pause!
Nimm, wenn nichts hilft, Aspirin!
Denn, wer schläft, ist nicht zu Hause,
und schon geht es ohne ihn.
Still! Die Nacht starrt in dein Zimmer
und beschnuppert dein Gesicht...
Andre Menschen schlafen immer.
Gute Nacht, und schnarche nicht!
Gute Nacht!
von Elke Heidenreich
Zweimal im Leben hatte sie, die bewusst
Kinderlose, so ein winziges Kind im Arm. Einmal in ihrer Stammkneipe.
Wirt und Wirtin bedienten, es war voll, der Kleine schrie. Sie hatte so
etwas noch nie gemacht, aber was ist schwierig daran, einen Hintern
abzuwischen? Sie verzog sich mit dem Kind, säuberte es, sang dabei,
wusch, cremte, wickelte, und das Kind lachte und streckte die Ärmchen
aus. Sie hatte ein sehr großes Gefühl, das Gefühl: Ich könnte!
Sie wollte nicht, aber sie wusste jetzt: Sie könnte. Heute ist das Kind
fünfundzwanzig und küsst sie jedes Mal, wenn es sie sieht. Es bedient
jetzt auch in der Kneipe.
Das zweite Mal war es im Hotel Adlon,
Luxussuite, sie war Preisträgerin von irgendetwas, angereist mit zwei
Freundinnen. Eine dritte, ihr nicht bekannte Freundin kam dazu, mit
einem sehr kleinen Baby. Ob sie es nehmen könne? Man wolle bummeln
gehen. Sie wollte nicht bummeln gehen, sie lag schon im frischen
Luxusbett, schaute aufs Brandenburger Tor und trank Champagner. Sie
legten das wildfremde Kind zu ihr. Es kuschelte sich an. Die Freundinnen
gingen. Das Kind öffnete die Augen, groß, blau, sah sie an, nahm ihren
Zeigefinger, umklammerte ihn fest und schlief lächelnd, leicht grunzend,
wieder ein.
Und sie lag da, unfassbar glücklich über dieses
Vertrauen, dieses zarte kleine Leben, glücklich auch die Verantwortung
für dieses Leben nicht übernehmen zu müssen. Aber diese Nähe, die drei
Stunden - sie gehören zu den schönsten ihres Lebens.
Gute Nacht!
von Hermann von Lingg
Sitzt ein Vöglein unter meinem Dach, es singt,
Wenn ich Morgens noch so früh erwach', es singt,
Und am Abend, wenn die Blumen alle
Sich zum Schlummer legten müd am Bach, es singt,
Wenn es still wird, glaub ich's noch zu hören,
Weil mein Leid und all mein Ach es singt.
Gute Nacht!