von Bertolt Brecht
Einer fragte
Herrn K., ob es einen Gott gäbe. Herr K. sagte: "Ich rate dir,
nachzudenken, ob dein Verhalten je nach der Antwort auf diese Frage sich
ändern würde. Würde es sich nicht ändern, dann können wir die Frage
fallenlassen. Würde es sich ändern, dann kann ich dir wenigstens noch so
weit behilflich sein, dass ich dir sage, du hast dich schon entschieden:
Du brauchst einen Gott."
Gute Nacht!
Sonntag, 22. September 2019
Sonntag, 18. August 2019
Wir taten uns nichts zuleide
von Ulla Hahn
Du hieltest mich fest und fernGute Nacht!
von dir ging ich beinah leicht
wir wussten der Abschied war
vor allem Anfang erreicht
Wir taten uns nichts zuleide
jede Liebkosung ein Trost
zärtlich verteiltes Erbarmen
jede Umarmung ließ los.
Montag, 5. August 2019
Leuchtender Tag im Boot
von Kurt Tucholsky
Nachmittags lagen sie im Boot. Der Himmel war klar, noch einmal gab der Sommer seine Wärme.
Dies ist der letzte der drei Tage! Aber ich bin so froh wie am ersten. Jung sein, voller Kraft sein, eine Reihe leuchtender Tage – das kommt nie wieder! Heiter Glück verbreiten! – Wir wollen uns Erinnerungen machen, die Funken sprühen! Wir haben alles voraus – heute! Mögen die in den Gräbern die Fäuste schütteln, mögen die Ungeborenen lächeln – wir sind! Alle sollen freudig sein! Kämpfen – aber mit Freuden! – Dreinhauen – aber mit Lachen! Mädchen, was zieht ihr mit Ketten schwer beladen einher? – Schüttelt sie ab. Sie sind leicht! – Sie sind hohl! – Tanzt, tanzt! –
[...]
Die beiden trieben ab, das Boot schwankte, bewegt durch das Schaukeln der Lachenden. Und wieder trug sie die Strömung dahin, der fächelnde Wind kräuselte das Wasser, brachte frischere Lüfte ... Einmal legte die Claire die Hand auf den Bootsrand: diese ein wenig knochige und männliche Hand, auf deren Rücken blaßblaue Adern sich strafften; sah man aber die holzgeschnitzten, langen Finger, so ahnte man, es war eine erfahrene Hand. Diese Fingerspitzen wußten um die Wirkung ihrer Zärtlichkeiten, kräftig und sicher spielten die Gelenke ... Die Hand hing im Wasser und zog einen quirlenden Streif. Dunkelgrün und klar lagen die Ufer weit zurück.
Leuchtender, leuchtender Tag! – Da-sein, voraussetzungsloses Dasein und immerfort wissen, dass eine ist, die gleich fühlt, gleich denkt ... (Denkt, fühlt sie wirklich? Aber ist das nicht einerlei, wenn wir nur glauben?) Nun, wir glauben eben einmal, dass wir uns nur deshalb nicht begegnen, weil wir nebeneinander demselben Ziele zulaufen, gleich strebend, parallel – ... Dies zu wissen – das ist Glück Ein Seitenblick genügt: all deine Empfindungen sind hier noch einmal, aber umkleidet mit dem Reiz des Fremden. Wozu noch sprechen? – Wir wissen ohnehin. Wozu versichern, betonen? – Wir wissen, wir wissen. Und das Erlebnis und ich und sie – das gibt einen Klang, einen guten Dreiklang.
Gute Nacht!
Nachmittags lagen sie im Boot. Der Himmel war klar, noch einmal gab der Sommer seine Wärme.
Dies ist der letzte der drei Tage! Aber ich bin so froh wie am ersten. Jung sein, voller Kraft sein, eine Reihe leuchtender Tage – das kommt nie wieder! Heiter Glück verbreiten! – Wir wollen uns Erinnerungen machen, die Funken sprühen! Wir haben alles voraus – heute! Mögen die in den Gräbern die Fäuste schütteln, mögen die Ungeborenen lächeln – wir sind! Alle sollen freudig sein! Kämpfen – aber mit Freuden! – Dreinhauen – aber mit Lachen! Mädchen, was zieht ihr mit Ketten schwer beladen einher? – Schüttelt sie ab. Sie sind leicht! – Sie sind hohl! – Tanzt, tanzt! –
[...]
Die beiden trieben ab, das Boot schwankte, bewegt durch das Schaukeln der Lachenden. Und wieder trug sie die Strömung dahin, der fächelnde Wind kräuselte das Wasser, brachte frischere Lüfte ... Einmal legte die Claire die Hand auf den Bootsrand: diese ein wenig knochige und männliche Hand, auf deren Rücken blaßblaue Adern sich strafften; sah man aber die holzgeschnitzten, langen Finger, so ahnte man, es war eine erfahrene Hand. Diese Fingerspitzen wußten um die Wirkung ihrer Zärtlichkeiten, kräftig und sicher spielten die Gelenke ... Die Hand hing im Wasser und zog einen quirlenden Streif. Dunkelgrün und klar lagen die Ufer weit zurück.
Leuchtender, leuchtender Tag! – Da-sein, voraussetzungsloses Dasein und immerfort wissen, dass eine ist, die gleich fühlt, gleich denkt ... (Denkt, fühlt sie wirklich? Aber ist das nicht einerlei, wenn wir nur glauben?) Nun, wir glauben eben einmal, dass wir uns nur deshalb nicht begegnen, weil wir nebeneinander demselben Ziele zulaufen, gleich strebend, parallel – ... Dies zu wissen – das ist Glück Ein Seitenblick genügt: all deine Empfindungen sind hier noch einmal, aber umkleidet mit dem Reiz des Fremden. Wozu noch sprechen? – Wir wissen ohnehin. Wozu versichern, betonen? – Wir wissen, wir wissen. Und das Erlebnis und ich und sie – das gibt einen Klang, einen guten Dreiklang.
Gute Nacht!
Sonntag, 21. Juli 2019
Ein- und Ausfälle. Zweiseitig.
von Friedrich Theodor Vischer
Gute Nacht!
Nach neben, wenn Vorteil riechend,
Nach oben jederzeit kriechend,
Nach unten grob und roh –:
Manch' ein Beamter ist so;
Auch ein Minister,
Mitunter so ist er.
Gute Nacht!
Montag, 8. Juli 2019
Der Schein trügt
von James Joyce
Nichts ist so irreführend und trotz alledem so verlockend wie eine schöne Oberfläche. Das Meer im warmen Sonnenglanz eines Sommertags; der Himmel, blau im zarten bernsteinfarbenen Schimmer der Herbstsonne, gefallen dem Auge gar wohl: doch wie anders bietet sich das Schauspiel dar, wenn der wilde Zorn der Elemente die Zwietracht des Aufruhrs von neuem wachgerufen hat; wie anders der Ozean, kochend vor Brodeln und Brausen, als das stille, friedliche Meer, das in der Sonne glänzend sich heiter kräuselte. Doch das beste Beispiel für die Unbeständigkeit der Erscheinung sind: der Mensch und das Glück. Ein kriecherischer, unterwürfiger Blick, eine hochmütige und überhebliche Miene verbergen gleichermaßen die Wertlosigkeit des Charakters. Das Glück - dieser glitzernde Tand, dessen Schimmer arm und reich betört und mit ihnen sein Spiel treibt - ist so wechselhaft wie der Wind. Dennoch - es gibt ein "Etwas", das uns den Charakter eines Menschen verrät. Das Auge ist es. Der einzige Verräter, den selbst der eiserne Wille eines verruchten Bösewichts nicht beherrschen kann. Das Auge ist es, das dem Menschen Schuld oder Unschuld entdeckt, die Laster oder die Tugenden der Seele. Hier haben wir die einzige Ausnahme, für die das Sprichwort "Der Schein trügt" nicht gilt. In allen anderen Fällen muß nach dem wahren Wert erst gesucht werden. Das Gewand des Königtums oder der Demokratie sind nur die Schatten, die ein "Mann" hinter sich wirft. "O traurig Los des Armen, der an Königs Gunst gebunden!" Die launische Flut des stets sich wandelnden Glücks bringt beides mit sich - Gutes und Böses. Wie schön erscheint es uns nicht als Sendbote des Guten und wie grausam als Künder des Verhängnisses! Wer die Launen eines Königs hofiert, ist wie eine Nußschale auf diesem weiten Meer. So erkennen wir den Trug des äußeren Scheins. Der Heuchler ist die schlimmste Spielart des Schurken, denn unter dem Schein der Tugendhaftigkeit verbirgt er das schlimmste aller Laster. Der Freund, ein wahrer Wetterhahn des Glücks, scharwenzelt und kriecht zu Füßen des Reichtums. Doch ein Mensch, der keinen Ehrgeiz, keinen Reichtum, keinen Luxus außer dem der Zufriedenheit, kann die Freude des Glücks nicht verbergen, das aus einem reinen Gewissen und einem freien Sinn fließt.
Gute Nacht!
Nichts ist so irreführend und trotz alledem so verlockend wie eine schöne Oberfläche. Das Meer im warmen Sonnenglanz eines Sommertags; der Himmel, blau im zarten bernsteinfarbenen Schimmer der Herbstsonne, gefallen dem Auge gar wohl: doch wie anders bietet sich das Schauspiel dar, wenn der wilde Zorn der Elemente die Zwietracht des Aufruhrs von neuem wachgerufen hat; wie anders der Ozean, kochend vor Brodeln und Brausen, als das stille, friedliche Meer, das in der Sonne glänzend sich heiter kräuselte. Doch das beste Beispiel für die Unbeständigkeit der Erscheinung sind: der Mensch und das Glück. Ein kriecherischer, unterwürfiger Blick, eine hochmütige und überhebliche Miene verbergen gleichermaßen die Wertlosigkeit des Charakters. Das Glück - dieser glitzernde Tand, dessen Schimmer arm und reich betört und mit ihnen sein Spiel treibt - ist so wechselhaft wie der Wind. Dennoch - es gibt ein "Etwas", das uns den Charakter eines Menschen verrät. Das Auge ist es. Der einzige Verräter, den selbst der eiserne Wille eines verruchten Bösewichts nicht beherrschen kann. Das Auge ist es, das dem Menschen Schuld oder Unschuld entdeckt, die Laster oder die Tugenden der Seele. Hier haben wir die einzige Ausnahme, für die das Sprichwort "Der Schein trügt" nicht gilt. In allen anderen Fällen muß nach dem wahren Wert erst gesucht werden. Das Gewand des Königtums oder der Demokratie sind nur die Schatten, die ein "Mann" hinter sich wirft. "O traurig Los des Armen, der an Königs Gunst gebunden!" Die launische Flut des stets sich wandelnden Glücks bringt beides mit sich - Gutes und Böses. Wie schön erscheint es uns nicht als Sendbote des Guten und wie grausam als Künder des Verhängnisses! Wer die Launen eines Königs hofiert, ist wie eine Nußschale auf diesem weiten Meer. So erkennen wir den Trug des äußeren Scheins. Der Heuchler ist die schlimmste Spielart des Schurken, denn unter dem Schein der Tugendhaftigkeit verbirgt er das schlimmste aller Laster. Der Freund, ein wahrer Wetterhahn des Glücks, scharwenzelt und kriecht zu Füßen des Reichtums. Doch ein Mensch, der keinen Ehrgeiz, keinen Reichtum, keinen Luxus außer dem der Zufriedenheit, kann die Freude des Glücks nicht verbergen, das aus einem reinen Gewissen und einem freien Sinn fließt.
Gute Nacht!
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