Freitag, 11. Februar 2022

Betrachtungen aus der Stille

von Yoshida Kenko 

Man kann sich auf keines der vielen Dinge in der Welt verlassen. Dumme Menschen, die sofort tiefes Vertrauen schenken, werden immer wieder enttäuscht und zornig.
Man kann sich nicht auf die Macht verlassen, die Starken gehen zuallererst zugrunde.
Man kann sich nicht auf den Reichtum verlassen, der ist im Nu verloren.
Man kann sich nicht auf seine Begabung verlassen, selbst Konfuzius fand zu seiner Zeit kein Verständnis.
Man kann sich nicht auf die Tugend verlassen, sogar Yan Hui geriet ins Unglück.
Man darf sich nicht auf die Huld seines Herren verlassen, er verhängt die Todesstrafe oft ganz unerwartet.
Man kann sich nicht auf seine Gefolgschaft verlassen, sie wendet einem schnell den Rücken und läuft zu einem anderen.
Auch auf das Wohlwollen ist kein Verlass, es schlägt mit Sicherheit um.
Man kann sich nicht auf Versprechungen verlassen, nur den Allerwenigsten ist zu trauen.
Wer sich so weder auf sich noch auf andere verlässt, ist glücklich, wenn alles gut geht und wenn nicht, so ist er wenigstens nicht enttäuscht.
Lässt man links und rechts ein wenig Raum, stößt man nicht an.
Lässt man vor und hinter sich weiten Raum, fährt man nicht fest.
Wo es eng ist, wird man erdrückt und wer sich schon bei kleinen Dingen ängstigt, gerät mit den Menschen in Streit und wird verletzt.
Geht einer aber großzügig und sanft vor, wird ihm kein Schaden angetan. Der Mensch ist der Geist von Himmel und Erde.
Himmel und Erde sind ohne Grenzen. Wie sollte es bei dem Menschen anders sein?
Wessen Herz weit und ohne Schranken ist, der wird weder von Freude noch von Zorn erfasst, noch gerät er durch die Außenwelt in Not!
 
Gute Nacht!

Sonntag, 24. Oktober 2021

Lebensgruß

von Heinrich Heine

Eine große Landstraß ist unsere Erd,
Wir Menschen sind Passagiere;
Man rennet und jaget, zu Fuß und zu Pferd,
Wie Läufer oder Kuriere.

Man fährt sich vorüber, man nicket, man grüßt
Mit dem Taschentuch aus der Karosse;
Man hätte sich gerne geherzt und geküßt,
Doch jagen von hinnen die Rosse.

Kaum trafen wir uns auf derselben Station,
Herzliebster Prinz Alexander,
Da bläst schon zur Abfahrt der Postillion,
Und bläst uns schon auseinander.
Gute Nacht!
 

Sonntag, 2. Mai 2021

Der Mensch

von Voltaire

Wenn man den Menschen in physischer Hinsicht kennenlernen will, muss man Werke über Anatomie und die Artikel von Venel in der Encyclopédie studieren oder, noch besser, an einem anatomischen Kolleg teilnehmen.
Wenn man den Menschen in moralischer Hinsicht kennenlernen will, muss man vor allem Lebenserfahrung sammeln und nachdenken. Sind nicht alle Bücher über Moral in den Worten Hiobs enthalten: "Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht."
Wir haben bereits gesehen, dass der Mensch im Durchschnitt nur etwa 22 Jahre zu leben hat, wenn man diejenigen, die an der Brust ihre Amme sterben, mit einbezieht so wie alle jene, die bis zu 100 Jahren die Reste eines elenden Lebens mit sich herumschleppen, dem sie geistig nicht mehr gewachsen sind.
Ein hübsches Gleichnis ist die alte Fabel vom ersten Menschen, der anfangs höchstens 20 Jahre leben sollte, was ein Durchschnittsalter von nur fünf Jahren ergeben hätte. Der Mensch war verzweifelt, er hatte bei sich eine Raupe, einen Schmetterling, einen Pfau, ein Pferd, einen Fuchs und einen Affen.
"Verlängere mein Leben", sagte er zu Jupiter, "ich bin mehr wert als alle diese Tiere hier! Die Gerechtigkeit verlangt, dass ich und meine kinder sehr lange leben, um über alle Tiere zu herrschen."
"Gern", sagte Jupiter, "aber ich kann nur eine bestimmte Zahl von Tagen unter alle diese Wesen verteilen, denen ich das Leben geschenkt habe, was ich dir geben kann, muss ich den anderen abziehen, denn du darfst dir nicht einbilden, dass ich allmächtig sei und mir keine Grenzen gesetzt wären, weil ich Jupiter bin. Auch ich habe meine Natur und mein Maß, ich will dir also gerne ein paar Jahre mehr bewilligen und sie diesen sechs Tieren, auf die du eifersüchtig bist, abziehen, aber unter der Bedingung, dass du nacheinander ihre Lebensformen annimmst."
Der Mensch soll zuerst eine Raupe sein und in seiner frühen Kindheit kriechen wie sie, mit 15 Jahren soll er anmutig sein wie ein Schmetterling und in seiner Jugend eitel wie ein Pfau, im Mannesalter soll er es ebenso schwer haben wie ein Pferd, in den 50er Jahren soll er listig sein wie ein Fuchs und im Alter hässlich und lächerlich wie ein Affe.
Und das ist im allgemeinen auch das Schicksal des Menschen!
 
Gute Nacht!

Montag, 22. Februar 2021

Morgenwind

von Paul Heyse
Wenn noch kaum die Hähne krähen,  
Macht sich auf der Morgenwind,  
Feget aus mit starkem Wehen  
Stadt und Flur und Wald geschwind.  
 
Allen Bäumen in der Runde  
Schüttelt er die Locken aus,  
Weckt die Blümlein in dem Grunde,  
Lockt die Lerch' ins Tal hinaus. 
 
Nebel, die an Bergen hangen,  
Jagt er ohne Gnade fort;  
Kommt Frau Sonne dann gegangen,  
Find't sie sauber jeden Ort.  
 
Will sie bei dem treuen Winde  
Sich bedanken in Person,  
Ist er, dass ihn keiner finde,  
Über alle Berge schon.
Gute Nacht!

Sonntag, 22. November 2020

Spätherbst in der Sperlingsgasse

von Wilhelm Raabe

Es ist eigentlich eine böse Zeit! Das Lachen ist teuer geworden in der Welt, Stirnrunzeln und Seufzen gar wohlfeil. Auf der Ferne liegen blutig dunkel die Donnerwolken des Krieges, und über die Nähe haben Krankheit, Hunger und Not ihren unheimlichen Schleier gelegt; – es ist eine böse Zeit! Dazu ist's Herbst, trauriger, melancholischer Herbst, und ein feiner, kalter Vorwinterregen rieselt schon wochenlang herab auf die große Stadt; – es ist eine böse Zeit! Die Menschen haben lange Gesichter und schwere Herzen, und wenn sich zwei Bekannte begegnen, zucken sie die Achsel und eilen fast ohne Gruß aneinander vorüber; – es ist eine böse Zeit! – Missmutig hatte ich die Zeitung weggeworfen, mir eine frische Pfeife gestopft, ein Buch herabgenommen und aufgeschlagen. Es war ein einfaches altes Buch, in welches Meister Daniel Chodowiecki gar hübsche Bilder gezeichnet hatte: Asmus omnia sua secum portans, der prächtige Wandsbecker Bote des alten Matthias Claudius, weiland homme de lettres zu Wandsbeck, und recht ein Tag war's, darin zu blättern. Der Regen, das Brummen und Poltern des Feuers im Ofen, der Widerschein desselben auf dem Boden und an den Wänden – alles trug dazu bei, mich die Welt da draußen ganz vergessen zu machen und mich ganz in die Welt von Herz und Gemüt auf den Blättern vor mir zu versenken. 
Aufs Geratewohl schlug ich eine Seite auf: Sieh! – da ist der herbstliche Garten zu Wandsbeck. Es ist ebenso nebelig und trübe wie heute; leise sinken die gelben Blätter zur Erde, als bräche eine unsichtbare Hand sie ab, eins nach dem andern. Wer kommt da den Gang herauf im geblümten bunten Schlafrock, die weiße Zipfelmütze über dem Ohr? – Er ist's – Matthias Claudius, der wackere Asmus selbst! – Bedächtiglich schreitet er einher, von Zeit zu Zeit stehenbleibend; jetzt ein welkes Blatt aufnehmend und das zierliche Geäder desselben betrachtend; jetzt in die nebelige Luft hinaufschauend. Er scheint in Gedanken versunken zu sein. Denkt er vielleicht an den Vetter oder den Freund Hein, an den Invaliden Görgel mit der Pudelmütze und dem neuen Stelzbein, denkt er an die neue Kanone oder an das Ohr des schuftigen Hofmarschalls Albiboghoi? Wer weiß! – Sieh! wieder bleibt er stehen. Was fällt ihm ein!? Lustig wirft er die weiße Zipfelmütze in die Luft und tut einen kleinen Sprung: ein großer Gedanke ist ihm »aufs Herz geschossen« – das große neue Fest der Herbstling ist erfunden – der Herbstling, so anmutig zu feiern, wenn der erste Schnee fällt, mit Kinderjubel und Bratäpfeln und Lächeln auf den Gesichtern von jung und alt! –
Wenn der erste Schnee fällt – – – wie ich in diesem Augenblick wieder einmal einen Blick zur grauen Himmelsdecke hinaufwerfe, da – kommt er herunter – wirklich herunter, der erste Schnee!
 
Schnee! Schnee! der erste Schnee! –
 
In großen wässrigen Flocken, dem Regen untermischt, schlägt er an die Scheiben, grüßend wie ein alter Bekannter, der aus weiter Ferne nach langer Abwesenheit zurückkommt. Schnell springe ich auf und ans Fenster. Welche Veränderung da draußen! Die Leute, die eben noch mürrisch und unzufrieden mit sich und der Welt umherschlichen, sehen jetzt ganz anders aus. Gegen den Regen suchte jeder sich durch Mäntel und Schirme auf alle Weise zu schützen, dem Schnee aber kehrt man lustig und verwegen das Gesicht zu.
Der erste Schnee! der erste Schnee!
An den Fenstern erscheinen lachende Kindergesichter, kleine Händchen klatschen fröhlich zusammen: welche Gedanken an weiße Dächer und grüne, funkelnde Tannenbäume! Wie phantastisch die Sperlingsgasse in dem wirbelnden, weißen Gestöber aussieht! Wie die wasserholenden Dienstmädchen am Brunnen kichern! Der fatale Wind! –
 
»Gehorsamster Diener, Herr Professor Niepeguck! Auch im ersten Schnee?«
 
»Ärztliche Verordnung!« brummt der Weise und lächelt herauf zu mir, so gut es Würde und Hypochondrie erlauben.
Auf der Sophienkirche schlägt's jetzt! – Erst vier? und schon fast Nacht! – »Vier!« wiederholen die Glocken dumpf über die ganze Stadt. Jetzt sind die Schulen zu Ende! Hurra – hinaus in den beginnenden Winter: die Buben wild und unbändig, die Mädchen ängstlich und trippelnd, dicht sich an den Häuserwänden hinwindend. Hier und dort blitzt nun schon in einem dunkeln Laden ein Licht auf, immer geisterhafter wird das Aussehen der Sperlingsgasse.
Da kommt der Lehrer selbst, seine Bücher unter dem Arm; aufmerksam betrachtet er das Zerschmelzen einer Flocke auf seinem fadenscheinigen schwarzen Rockärmel. Jetzt ist die Zeit für einen Märchenerzähler, für einen Dichter.
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