Ach, du Erinnerung, verschonest Keinen!Gute Nacht!
Auch der gewes'ne Glückliche muss weinen.
Das ist der Rache altes Recht auf Erden:
„Kein Lebender soll immer glücklich werden!"
Wer noch das Kleinste, Feinste hoch gehalten,
Dem muss vom Gift der Welt das Herz erkalten,
Und ihm erscheint im Graun des Totenlichts
Die alte Öde und das große Nichts.
Montag, 11. November 2019
Gesunkener Mut
von Leopold Schefer
Sonntag, 3. November 2019
Das Werden des Menschen in der Politik
von Karl Jaspers
Kant sagte, die wichtigsten Ereignisse der neueren Geschichte seien die Schweizer, holländischen, englischen Freiheitskämpfe gewesen. Aus ihrem Geist ist der amerikanische Freiheitskampf in neuer Ursprünglichkeit erwachsen. Wunderbar der Mut, der hohe Schwung, das Maß, die Besonnenheit all dieser Freiheitskämpfer, die aus der Eigenständigkeit auch die Kraft hatten, den der bloßen Gewalt gehorchenden Massen durch die eigene Gewalt, klüger und opferbereiter, überlegen zu werden. Nur je für eine Weile hat es bisher diese zuverlässige politische Freiheit gegeben, uns Nachfahren für immer zur Ermutigung und zum Vorbild.
Das Unheimliche ist: In der Freiheit selber liegt ein Grund des Verderbens.
Die Welt politischer Freiheit ist verloren ohne große Staatsmänner, die durch die Schulung freier Männer zuverlässig von Generation zu Generation neu erwachsen. Mit allem, was sie tun, kämpfen sie in den gegebenen Chancen der Freiheit für diese. Sie kennen die Gefahr. Das Wagnis lohnt sich ihnen, weil es um das höchste Daseinsgut der Menschen geht. Sie haben Mut, Urteilskraft und Geduld. Von ihnen gilt, was von Perikles berichtet wurde: dass man ihn, seitdem er Athen lenkte, nicht mehr habe lachen sehen.
Anders die Politiker. Sie sind opportunistische Realisten, Betriebmacher, listige Menschen und Erpresser. Unbekümmert vital handeln sie im Namen der Freiheit gegen die Bedingungen der Freiheit. Sie entziehen sich, wenn sie bloßgestellt sind, durch Lügen und durch Witze. Durch ihr Verhalten verhöhnen sie das Parlament, das, gleicher Art, es kaum merkt und nicht daran denkt, solche Frevler am Geist der Politik aus dem Sattel zu werfen. Mit sentimentalen Sprüchen täuschen sie einen Ernst vor. Sie sind Verderber der Freiheit.
Dieser Typus von Politikern hält seine Aufgabe, ohne Berufung, für einen Beruf, einen vielfach aussichtsreichen, mit gutem Einkommen und Pensionsberechtigung. Sie meinen, er sei risikolos. Sie denken ohne Verantwortung.
Der Geist der freien Welt gibt ein zweideutiges Bild. Wir freien Völker sind noch keineswegs politisch eigentlich frei. Im wirtschaftlichen Wohlergehen, im Weiterschliddern, in bloßen Aufregungen liegt keine Freiheit. Die Aristokratie der Einsichten vermindert sich. Die Verteilung der Verantwortung erzeugt Verantwortungslosigkeit Die Demokratie wird zur Parteienoligarchie. Was Kultur hieß, wird in weitem Umfang zu den Seifenblasen eines Literatentums. Der Geist verliert seinen Ernst.
Gute Nacht!
Kant sagte, die wichtigsten Ereignisse der neueren Geschichte seien die Schweizer, holländischen, englischen Freiheitskämpfe gewesen. Aus ihrem Geist ist der amerikanische Freiheitskampf in neuer Ursprünglichkeit erwachsen. Wunderbar der Mut, der hohe Schwung, das Maß, die Besonnenheit all dieser Freiheitskämpfer, die aus der Eigenständigkeit auch die Kraft hatten, den der bloßen Gewalt gehorchenden Massen durch die eigene Gewalt, klüger und opferbereiter, überlegen zu werden. Nur je für eine Weile hat es bisher diese zuverlässige politische Freiheit gegeben, uns Nachfahren für immer zur Ermutigung und zum Vorbild.
Das Unheimliche ist: In der Freiheit selber liegt ein Grund des Verderbens.
Die Welt politischer Freiheit ist verloren ohne große Staatsmänner, die durch die Schulung freier Männer zuverlässig von Generation zu Generation neu erwachsen. Mit allem, was sie tun, kämpfen sie in den gegebenen Chancen der Freiheit für diese. Sie kennen die Gefahr. Das Wagnis lohnt sich ihnen, weil es um das höchste Daseinsgut der Menschen geht. Sie haben Mut, Urteilskraft und Geduld. Von ihnen gilt, was von Perikles berichtet wurde: dass man ihn, seitdem er Athen lenkte, nicht mehr habe lachen sehen.
Anders die Politiker. Sie sind opportunistische Realisten, Betriebmacher, listige Menschen und Erpresser. Unbekümmert vital handeln sie im Namen der Freiheit gegen die Bedingungen der Freiheit. Sie entziehen sich, wenn sie bloßgestellt sind, durch Lügen und durch Witze. Durch ihr Verhalten verhöhnen sie das Parlament, das, gleicher Art, es kaum merkt und nicht daran denkt, solche Frevler am Geist der Politik aus dem Sattel zu werfen. Mit sentimentalen Sprüchen täuschen sie einen Ernst vor. Sie sind Verderber der Freiheit.
Dieser Typus von Politikern hält seine Aufgabe, ohne Berufung, für einen Beruf, einen vielfach aussichtsreichen, mit gutem Einkommen und Pensionsberechtigung. Sie meinen, er sei risikolos. Sie denken ohne Verantwortung.
Der Geist der freien Welt gibt ein zweideutiges Bild. Wir freien Völker sind noch keineswegs politisch eigentlich frei. Im wirtschaftlichen Wohlergehen, im Weiterschliddern, in bloßen Aufregungen liegt keine Freiheit. Die Aristokratie der Einsichten vermindert sich. Die Verteilung der Verantwortung erzeugt Verantwortungslosigkeit Die Demokratie wird zur Parteienoligarchie. Was Kultur hieß, wird in weitem Umfang zu den Seifenblasen eines Literatentums. Der Geist verliert seinen Ernst.
Gute Nacht!
Sonntag, 13. Oktober 2019
Am Heimweg
von Karl Stieler
Ich wand're heim durch's hohe Feld,Gute Nacht!
die Wolken zieh'n,
In tiefer Ruhe liegt die Welt.
Du bist dahin!
Das Abendläuten ist verhallt,
im Lindengrün,
Der letzte Vogel singt im Wald.
Du bist dahin!
Da fühl' ich's leise, wie ich krank
vor Sehnen bin;
Der Vogel schwieg, die Sonne sank.
Du bist dahin!
Sonntag, 6. Oktober 2019
Glück in der Abenddämmerung
von Rainer Maria Rilke
Sie empfand, wie sehr sie alles um sich liebte, wie sehr das alles zu ihr gehörte, und daß dieses leise, freudige Werden mit seinem heimlichen Glück und seiner süßen Sehnsucht ihr Schicksal sei, nicht aber das, was Menschen in dunklem Drange wollten und irrten.
Auf dem Heimwege kamen ihr die lichten Schwärme fröhlicher Menschen entgegen, und da blieb sie lächelnd stehen und schaute über die helle, lebende Landschaft: Man konnte nicht glauben, daß alle diese lachenden Scharen wieder Raum finden würden in den engen Häusern drüben. Das macht: jeder von ihnen ist über sich selbst hinausgewachsen in den schimmernden Tag, den er kaum auf den Schultern spürt. Und der leuchtende Himmel wirft seinen goldenen Glanz so reich und rasch über die Menschen und Dinge, daß sie vergessen, ihre alltäglichen Schatten zu haben, und selber Licht sind in dem flimmernden Land.
Gute Nacht!
Sie empfand, wie sehr sie alles um sich liebte, wie sehr das alles zu ihr gehörte, und daß dieses leise, freudige Werden mit seinem heimlichen Glück und seiner süßen Sehnsucht ihr Schicksal sei, nicht aber das, was Menschen in dunklem Drange wollten und irrten.
Auf dem Heimwege kamen ihr die lichten Schwärme fröhlicher Menschen entgegen, und da blieb sie lächelnd stehen und schaute über die helle, lebende Landschaft: Man konnte nicht glauben, daß alle diese lachenden Scharen wieder Raum finden würden in den engen Häusern drüben. Das macht: jeder von ihnen ist über sich selbst hinausgewachsen in den schimmernden Tag, den er kaum auf den Schultern spürt. Und der leuchtende Himmel wirft seinen goldenen Glanz so reich und rasch über die Menschen und Dinge, daß sie vergessen, ihre alltäglichen Schatten zu haben, und selber Licht sind in dem flimmernden Land.
Gute Nacht!
Montag, 30. September 2019
Der Regen scheint besessen
von Max Dauthendey
Ich hör’ den Regen dreschenGute Nacht!
Und übers Pflaster fegen.
Der Regen scheint besessen
Und will die Welt auffressen.
Ich muss mich näher legen
Ins Bett zu meiner Frauen.
Wird sich ihr Äuglein regen,
Kann ich ins Blaue schauen.
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